Graf & Graf
Literatur– und
Medienagentur

25.10.2021

Mely Kiyak erhält für ihr Buch "Frausein" den Literaturpreis Christine, der in diesem Jahr zum ersten Mal vergeben wird, wie das Netzwerk BücherFrauen auf der Frankfurter Buchmesse bekanntgab. Das Buch habe durch seine inhaltliche Ausrichtung und durch seine gesellschaftliche Relevanz überzeugt, heißt es in der Begründung der Jury. «"Frausein" macht Mut, den eigenen Weg zu gehen, eigenständig und unabhängig.» Kiyak trage mit ihrem Buch zur Gleichstellung der Geschlechter und zur Stärkung von Frauen und Mädchen bei. Wir gratulieren sehr herzlich!

19.10.2021

Antje Rávik Strubel erhält den Deutschen Buchpreis 2021 für ihr Werk "Blaue Frau". Wir gratulieren der Autorin von Herzen zu der Auszeichnung.

Begründung der Jury:

"Mit existenzieller Wucht und poetischer Präzision schildert Antje Rávik Strubel die Flucht einer jungen Frau vor ihren Erinnerungen an eine Vergewaltigung. Schicht um Schicht legt der aufwühlende Roman das Geschehene frei. Die Geschichte einer weiblichen Selbstermächtigung weitet sich zu einer Reflexion über rivalisierende Erinnerungskulturen in Ost- und Westeuropa und Machtgefälle zwischen den Geschlechtern.

In einer tastenden Erzählbewegung gelingt es Antje Rávik Strubel, das eigentlich Unaussprechliche einer traumatischen Erfahrung zur Sprache zu bringen. Im Dialog mit der mythischen Figur der Blauen Frau verdichtet die Erzählerin ihre eingreifende Poetik: Literatur als fragile Gegenmacht, die sich Unrecht und Gewalt aller Verzweiflung zum Trotz entgegenstellt."

07.10.2021

Aus der Jurybegründung:

"Mithu Sanyal wirft sich in die Debatten. Mit großer Souveränität, Originalität und Witz lotet sie in ihrem Romandebüt "Identitti" Konstrukte wie Identität, Sexualität und Rassismus aus. Sie hinterfragt etablierte kulturelle Muster und lässt ihre Figuren virtuos Theorie verhandeln. In ihrer kulturwissenschaftlichen Arbeit "Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens" analysiert sie, wie Geschlechterkategorien und Rassismus den Vergewaltigungsbegriff prägen. Bereits 2016 erschienen lieferte sie damit ein wichtiges Buch, das nach Metoo nicht den Eingang in den Diskurs fand, den es verdient hätte. Mithu Sanyals Werk leistet einen wichtigen Beitrag zu einigen der brisantesten Fragen unserer Zeit. Ihr literarisches und wissenschaftliches Schreiben ist pointiert, scharfsinnig und mutig."

"Hanna Engelmeier hat das Aufkommen neuer literarischer Genres wie Autofiktion und Memoir verfolgt und aufgenommen, um daraus etwas Neues und Eigenes zu gestalten. "Trost. Vier Übungen" lautet der Titel ihres bemerkenswerten Prosadebüts. Es handelt sich um ein essayistisches, persönliches Buch, das autobiographische Mosaiksteinchen mit Lesefrüchten von Rilke bis Adorno, von Mark Twain bis Eileen Myles verbindet, theoretisch fasst und dabei auf ertragreichen Umwegen das Ziel verfolgt, die literaturwissenschaftlich vernachlässigte und oft abgewertete Kategorie des Trostes zu rehabilitieren und neu zu bestimmen. Hanna Engelmeier ist eine Kulturwissenschaftlerin, die ausgetretene Pfade zu meiden weiß und durch ihren ungewöhnlichen Tonfall überzeugt."

27.09.2021

Uwe-Karsten Heye erhält das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse für sein herausragendes Engagement gegen Rassismus und Rechtsextremismus und für seinen unermüdlichen Einsatz für eine zivilcouragierte, weltoffene Gesellschaft. Herzlichen Glückwunsch!

24.09.2021

Aus der Begründung:

"Die Schriftstellerin Terézia Mora setzt sich in ihrem Werk immer wieder mit aktuellen Themen und Konflikten in unserer Gesellschaft auseinander. Aus Ungarn stammend, wuchs sie zweisprachig auf und schreibt ausschließlich auf Deutsch. Dennoch fühlt sie sich in Deutschland als Ausländerin. Diese Sichtweise bringt sie in ihre Werke ein und schreckt dabei nicht vor ungeschönten Gegenwartsdiagnosen zurück. Ihre Bücher greifen so anschaulich wie prägnant gesellschaftliche Spannungen auf und schärfen das Bewusstsein dafür, wo ein Wandel notwendig ist. Seit vielen Jahren prägt Terézia Mora mit ihrem Werk, für das sie unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, die literarische Landschaft der Bundesrepublik Deutschland mit. So leistet sie einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftspolitischen Debatte."

"Burghart Klaußner gehört zu den großen Schauspielern unseres Landes – und das ganz besonders für Figuren der Zeitgeschichte. In vielen seiner Rollen verkörpert er sehr eindringlich Charaktere, an denen sich die Notwendigkeit gesellschaftlicher Veränderung zeigt. Mit der Haltung eines Künstlers, der stets die geschichtlichen Zusammenhänge reflektiert und gesellschaftspolitisch engagiert ist, gelingt es Burghart Klaußner immer wieder, sein großes Publikum dazu zu bringen, sich mit den Lehren aus der Geschichte auseinanderzusetzen."

23.09.2021

Kerstin Greiner erhält den Dietmar Heeg Medienpreis der Karl Kübel Stiftung für ihre Reportage "Kein Weg zu weit", die im SZ Magazin erschien. Wir gratulieren!

16.09.2021

"Man nehme Tucholskys "Deutschland, Deutschland, über alles" und lege "Schloss Gripsholm" daneben. Das ist doch mal ein Spagat! Und über diese Bandbreite verfügt Mely Kiyak locker. Ich meine, wer macht denn so was sonst? In einer Woche unterstellt sie dem Kreidefelsen auf Rügen, dass ihm aus Protest darüber, dass Horst Seehofer Heinrich Heine in der Walhalla geehrt hat, ein Stück abgebrochen sei, um sich dann eine Woche später in die letzten Stunden einer Frau zu imaginieren, die im Iran zum Tod durch Steinigung verurteilt wurde; lyrisch, empathisch, so wird durch die Vorsicht ihrer Worte und durch die Stärke ihrer Bilder das Grauen noch deutlicher, und eine Woche später zürnt sie über Google und macht sie über deren alberne Sucht nach Informationen lustig. Mely Kiyak macht so was. Und was würde ihr Vater dazu sagen: Meine Tochter leider sehr frech. Kann ma nix machen. Leida. Oder aber eben: Gott sei Dank. Der Kurt Tucholsky-Preis 2021 geht an Mely Kiyak. Weil sie die Beste ist. Ende der Diskussion."

Aus der Laudatio von Max Uthoff, Theater im Palais, 12.09.2021

09.09.2021

"In den Gedichten, Erzählungen und Romanen von Andrea Grill sucht man die großen abstrakten Worte, die gemeinhin sich zu Urteilen entwickeln, ebenso vergeblich wie überschäumende Emotionen oder dramatische Konflikte. Aber man findet stattdessen eine zunächst einmal nüchtern wirkende und dennoch vielsagende Sprache, in der gründliche Sachkenntnis zum Ausdruck kommt, nicht selten auch trockener Humor, eine feine Ironie, und zugleich namentlich eine Empfindsamkeit sondergleichen allen Erscheinungen der Welt gegenüber: seien es Bäume oder Schmetterlinge, seien es die Rede- und Verhaltensweisen der Menschen oder auch ihre Verstellungskünste. Der ganz offensichtlich durch geistes- und naturwissenschaftliche Studien geschärfte Blick auf alle Erscheinungen der Umwelt und der Kultur bleibt niemals kalt, ist vielmehr konsequent aufgehoben in einem literarischen Prozess, in dem anschaulich sichtbar wird, wie sehr es in allem doch darauf ankäme, nicht zuletzt die Perspektive(n) der Betrachtung zu prüfen." (Aus der Jurybegründung)

06.09.2021

Begründung der Jury: "In ihrem Schauspiel Ich, Wunderwerk und How Much I Love Disturbing Content befragt Amanda Lasker-Berlin in einer weitausholenden Geste die Omnipräsenz medialer Bilder im privaten wie im öffentlichen Raum. Der handelnde Mensch wird durch den Konsumenten von Nachrichten und Emotionen abgelöst. Dem ewigen Flimmern der Bilder scheint der homo sapiens nur noch wenig entgegenzusetzen zu haben. Darin liegt die Brisanz und die Preiswürdigkeit dieses Stückes begründet."

03.09.2021

Wir gratulieren den für den Bayerischen Buchpreis in den Kategorien Sachbuch und Belletristik nominierten Autor*innen.

27.08.2021

Olivia Wenzels "1000 Serpentinen Angst" feiert heute Premiere auf der Bühne im Maxim Gorki Theater unter der Regie von Anta Helena Recke. Alle Infos gibt es hier.

27.08.2021

Unsere herzlichen Glückwünsche gehen an Katerina Poladjan, die mit dem Nelly-Sachs-Preis ausgezeichnet wird. Zuletzt erschien ihr Roman "Hier sind Löwen" im S. Fischer Verlag – und freuen dürfen wir uns auf Katerina Poladjans neuen Roman im Frühjahr 2022!

Foto: Henning Fritsch

16.08.2021

Merle Kröger hat mir ihrem außerordentlichen Thriller "Die Experten" den Sprung auf die Shortlist des Crime Cologne Awards geschafft. Wir drücken die Daumen!

02.08.2021

Wir gratulieren Mely Kiyak zum Kurt Tucholsky-Preis 2021 für literarische Publizistik. Prämiert wird ihr Werk FRAUSEIN und ihre Tätigkeit als Kolumnistin und Essayistin. In der Begründung der Jury heißt es: "Mely Kiyaks Arbeiten korrespondieren mit ihrer sprachlichen Präzision, analytischen Schärfe sowie der inhaltlichen und stilistischen Bandbreite in bester Weise mit Tucholskys Werk, dessen Tradition zu bewahren Ziel des Kurt Tucholsky-Preises ist. […] Ihr Stil, ihre Qualität, ihre Vielfalt, ihre Schärfe und ihr Witz sind nicht nur unverwechselbar, sondern in Ausdauer, Klarheit, Ernsthaftigkeit, Mut, Einsatzbereitschaft und Klugheit unbestechlich."

21.06.2021

Wir freuen uns sehr über die Auszeichnungen bei den 45. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt: Necati Öziri wird für seinen Text "Morgen wache ich auf und dann beginnt das Leben" mit dem Kelag-Preis und dem BKS Bank Publikumspreis geehrt. Herzlichen Glückwunsch!

17.06.2021

Unsere herzlichen Gratulationen gehen an Stefan Hornbach, der für seinen Debütroman "Den Hund überleben" (erscheint im Juli im Hanser Verlag) mit dem Jürgen Ponto-Literaturpreis ausgezeichnet wird!

In den Worten der Jury: "Stefan Hornbach ist eine Idealform der Literatur gelungen. Sein Debüt ist eine Direktabnahme, eine Geschichte hoher Dringlichkeit, ein hochpräziser Tonabnehmer, der die Welt, in der wir uns bewegen, präzise abtastet und zugleich verwandelt. [...] Ein literarischer Held, jung und auf der Suche, erhält eine belastende Tumordiagnose und geht den Gang der Stationen, geht zurück zu den Eltern, bezieht wieder sein Jugendzimmer. Freunde, Ärztinnen, die Eltern, die Hündin, der medizinische Apparat sind seine Wegbegleiter. [...] Mit Stefan Hornbach tritt ein Autor auf, der uns berührt und erschüttert, ohne uns zu schütteln. [...] Dieses Debüt ist ein Triumph über Panik und Alarmismus, wenn sein Gegenstand nicht so irdisch wäre, von einer fast biblisch zärtlichen Haltung zur wüsten Wirklichkeit."

16.06.2021

Unsere Glückwünsche an Merle Kröger, deren Thriller "Die Experten" für den Crime Cologne Award 2021 nominiert ist!

08.06.2021
02.06.2021

Herzlichen Glückwunsch an Petra Reski, die in diesem Jahr mit dem Ricarda-Huch-Preis ausgezeichnet wird. Der Preis ehrt eine Persönlichkeit aus Kunst oder Literatur, aus Wissenschaft oder Politik, "deren Wirken in hohem Maße bestimmt ist durch unabhängiges Denken und mutiges Handeln, verbunden mit einem uneingeschränkten Wirken für jene unveräußerlichen humanen, emanzipatorischen und freiheitlichen Grundsätze, die sich aus der europäischen Geschichte herleiten, die Ideale der Humanität und Völkerverständigung als Werte der historisch-kulturellen Identität der europäischen Gesellschaften zu fördern."

02.06.2021

Auf der Shortlist des Fontane-Literaturpreises 2021 stehen Anna Prizkau mit ihrem Erzählungsband "Fast ein neues Leben" und Olivia Wenzel mit ihrem Roman "1000 Serpentinen Angst". Wir freuen uns und drücken die Daumen!

25.05.2021

Wir freuen uns mit Tupoka Ogette über den ABOUT YOU AWARD in der Kategorie "Idol of the Year". Herzlichen Glückwunsch!

Foto: © privat

09.02.2021

"Ihre Textwelten sind von einem Figurenpersonal bevölkert, das häufig Sonderlinge, prekäre Existenzen, moderne Nomaden, unglücklich wirkende Einzelgänger und skurrile, sympathische Fremde versammelt. Für Terézia Moras Erzählen sind anschauliche Schilderungen und visuell eindrückliche Welten charakteristisch. Ebenso treten selbstreflexive Momente und spielerisch experimentelle Elemente hervor, die die erzählten Welten mitunter ironisch brechen. Exemplarisch anzuführen sind etwa durchgestrichene Wörter, graphisch strukturierte Textanordnungen oder textlich nebeneinander platzierte simultane Erzählstränge und -perspektiven sowie damit einhergehend verschiedene individuelle Leserichtungen."

27.01.2021

Herzlichen Glückwunsch an Martin Hartmann, dessen Werk "Vertrauen - Die unsichtbare Macht" als Wissenschaftsbuch des Jahres 2021 in der Kategorie Biologie/Medizin ausgezeichnet wird.

"Der Philosoph [...] analysiert in seinem neuen Buch, warum das Vertrauen in Bereichen wie Politik, Wissenschaft, Liebe und dem Internet in einer Krise steckt und warum viele sich von Medien, Parteien oder Unternehmen betrogen fühlen. Zusätzlich zeigt er vertrauensbildende Maßnahmen auf, die gegen Unsicherheit und Stillstand helfen sollen. Der Autor ermutigt, wieder mehr zu Vertrauen zu wagen."

Der Preis wird im März verliehen.

11.01.2021

Wir gratulieren Christian Baron zum Literaturpreis "Aufstieg durch Bildung" 2021 der noon Foundation.

"Die Jury beeindruckte die Aktualität des Textes, der in den 90er Jahren spielt, die nüchterne, präzise Beschreibung des Milieus und die Ambivalenz der Vaterbeziehung. Überzeugt hat auch die Darstellung des gesellschaftspolitischen Umfeldes unabhängig von individueller Leistung und Anstrengung. Der Literaturpreis wird online im Februar/März verliehen. Er zeichnet Literatur über die vielschichtige Thematik des Bildungsaufstiegs aus – jenseits gradliniger Erfolgsgeschichten. Die noon Foundation, Mannheim, fördert Bildungs-, Kunst- und Kultur-Projekte."

23.12.2020

Graf & Graf wünscht ein gesundes und kreatives neues Jahr!

24.11.2020

Heute wäre Remo Largo 77 Jahre alt geworden. In Gedenken an den am 11. November verstorbenen Autor veröffentlichen wir einen Nachruf von Monika Czernin.

Er hat immer, immer stundenlang zugehört

Warum Remo H. Largos Tod so viele Menschen berührt

Von: Monika Czernin

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht, in den Zeitungen, Rundfunksendungen, den Social-Media-Kanälen – und mit ihr die Bestürzung und Trauer über den Tod von Remo H. Largo. Der berühmte Schweizer Kinderarzt und Entwicklungsforscher ist in der Nacht vom 11. auf den 12. November gestorben. Ein wirklicher Schock. Ein ganz persönlicher Schock, nicht nur für mich. Seither erscheinen Nachrufe, Würdigungen, Zusammenfassungen seines Lebens und Wirkens, seiner Werke und seines gesellschaftspolitischen Engagements. Doch woher kommt diese durch das Land hallende Betroffenheit, dieser emotionale Ruck, dieser kollektive Schmerz so vieler?

Ich habe Remo Largo vor 20 Jahren kennengelernt, als ich ihn um ein Vorwort für mein erstes Buch („Jeder Augenblick ein Staunen“) bat. Meine dreijährige Tochter, die Protagonistin des Buches und meiner mütterlichen Aufmerksamkeit desavouierte mein sorgfältig geplantes Telefonat mit dem Professor durch ihr Geschrei, also übergab ich ihr kurzerhand das Telefon, damit sie – perplex verstummt – meine Bitte vorträgt. Der süß klingende Satz und wohl auch das Buch überzeugten den damals bereits erfolgreichen Bestsellerautor. Es folgten gemeinsame Vorträge über die Entwicklung der Babys, dann zwei gemeinsame Bücher („Glückliche Scheidungskinder“ und „Jugendjahre“) und – wie soll ich es nennen – eine 20 Jahre andauernde Lebensbegleitung. Hier ein Ratschlag, dort eine Hilfestellung und all das mitnichten nur bei der Kindererziehung. Und dabei erstreckte sich diese Hilfe auch noch auf mein gesamtes Umfeld. Meistens begann es mit meinem Anruf, „Remo, eine Freundin von mir ist verzweifelt, ihr Sohn nachtwandelt.“ Oder, „ein Witwer mit kleinen Kindern braucht deinen Rat.“ Oder, „diese Eltern wollen wissen, wie sie am besten mit ihrer kleinen behinderten Tochter umgehen sollen.“ Immer nahm er die Telefonnummern entgegen und führte Gespräche mit all den Menschen, die ich ihm ans Herz legte. Ich selbst machte mir vorerst kaum bewusst, dass ich nicht die Einzige war, die ihm besorgte Menschen mit ihren Fragen sandte. Bis ich einen Dokumentarfilm („Remo Largo: Ein Leben für unsere Kinder“) über ihn drehte. Das Telefon klingelte oft und unterbrach unsere Arbeit, bald filmten wir die Szenen mit, weil wir ja da waren, um Remos Leben in all seiner Vielfalt zu beobachten. Seine Frau Brigitt brachte es auf den Punkt: „Er hat immer jedes Telefon abgenommen. Es waren Leute, die Sorgen hatten mit ihrer Beziehung, den Kindern und er hat immer, immer stundenlang zugehört.“

Ich weiß zwar nicht, wie viele derartige Telefonate er geführt hat (viele Tausende werden es wohl gewesen sein), aber ich weiß zweierlei: Erstens wie liebe- und verständnisvoll, Nähe und Vertrauen stiftend diese Gespräche waren und zweitens, wie zielgenau seine Ratschläge wirkten. Das habe ich wiederholt am eigenen Leib erfahren. Eine kurze Schilderung der Situation und dann eine glasklare und umsetzbare Antwort. Psychologen und Therapeuten würden vor Neid erblassen. Antworten nämlich, die, so simpel sie oftmals daher kamen, nachhaltig wirkten, meist jahrelang und oft richtungsweisend, ja richtungsverändernd. Wie ihm das gelang? Indem er entspannt reagierte, wie ich oft gefragt wurde? Die Eltern zu mehr Gelassenheit im Umgang mit ihren Kindern ermutigte? Beides greift zu kurz. Es war sein profundes Wissen über Kinder (und ebenso über uns Erwachsene, wie er in seinem Hauptwerk „Das passende Leben“ bewiesen hat) das seinem Rat Tiefe verlieh, und so war beispielsweise der Satz „Kinder zu lieben bedeutet, sie so sein zu lassen, wie sie sind“ nicht einfach Kuschelpädagogik, sondern er fußte in Largos langjährigen, sensibel geschulten Beobachtungen des kindlichen Verhaltens. In den von ihm seit den späten 1970er Jahren betreuten Longitudinalstudien am Zürcher Kinderspital, den längsten und umfassendsten Studien zur Entwicklung von Kindern in Europa und in seiner Arbeit an der von ihm gegründeten Poliklinik für entwicklungs- und verhaltensauffällige Kinder. Er konnte, das habe ich mehrmals erlebt, ein Kind, eine familiäre Situation in nur wenigen Augenblicken lesen. Aber da war noch etwas mindestens ebenso Wichtiges: sein weit über den Beruf hinausreichendes, unermüdlich einfühlsames Interesse an uns (Menschen)Kindern. In meinem Dokumentarfilm hat er es so ausgedrückt: „Wenn mich das Thema der kindlichen Entwicklung, generell das Wesen des Menschen so beschäftigt, dann ist das überhaupt kein Vorsatz. Ich bin im Grunde getrieben, ich kann nicht anders. Das war schon als Kind so und ich nehme an, ich werde das so lange weitermachen bis ich nicht mehr kann.“

Ich bin oft mit ihm spazieren gegangen, jede Situation, an der wir vorbei kamen, hat ihn interessiert. Kinder auf dem Spielplatz, eine Mutter, die ihr Fünfjähriges zu bändigen versuchte, die Wohnsiedlungen und welche Lebens- und Familienform sie vorgeben, der Wald und die Natur als uns seit Jahrtausenden vertrautes Lebensumfeld, ja sogar das Verhalten der Pferde auf einer Weide und die Eigenschaften des Schachtelhalms (dem Dinosaurier unter den Pflanzen) neben einem Bachlauf. Er fotografierte leidenschaftlich gern und sein Interesse für Literatur, insbesondere die russische Literatur, überstieg jedes übliche Maß. Zuletzt hatte er sich noch einmal den „Idiot“ von Dostojewski vorgenommen – als vielstündiges Hörbuch. Für sein Buch „Das passende Leben“ las er sich über viele Jahre durch alle möglichen wissenschaftlichen Disziplinen, von der Anthropologie bis zur Wirtschaftsgeschichte, von der Genetik bis zur Stadtplanung. Erst kurz vor seinem Tod entledigte er sich der vielen Papierstapel – Studien, Zeitungsartikel, Schriften aller Art – die sein Haus zum intellektuellen Patchwork machten, und damit wohl auch seinem nicht nachlassendem Anspruch allem gerecht werden zu müssen.

Alles löste etwas in ihm aus, fügte sich wie ein Puzzlestein in sein Denken, stellte eine Frage oder ergab eine Antwort für sein einzigartiges Gedankengebäude, das ich während so vieler Jahre kennen- und verstehen lernen durfte. Er nannte es das Fit-Prinzip, also das Zusammenspiel unserer Bedürfnisse (körperliche Grundbedürfnisse wie essen und schlafen, das Bedürfnis nach Geborgenheit, existentielle Sicherheit, das Gefühl, sozial anerkannt zu werden, das Bedürfnis nach Selbstentfaltung und danach, eine Leistung für die Gesellschaft zu erbringen) und Kompetenzen in der uns umgebenden Umwelt. Gelingt dieses Zusammenspiel, fühlt sich der Mensch wohl, kann ein Kind/ein Erwachsener seine Bedürfnisse hingegen nicht leben, entsteht ein Misfit. Das klingt abstrakt oder auch simpel. Und doch kommt dieses Konzept einem Paradigmenwechsel gleich. Für Erziehung und Schule, für Gesellschaft und Politik. Zuerst ist nicht die Erziehungsformel, die Lernmethode, eine bestimmte politische Theorie, eine Vorstellung von Gesellschaft, sondern die Wahrnehmung der individuellen Bedürfnisse des Einzelnen, die von Kind zu Kind, von Erwachsenen zu Erwachsenen verschieden sind. Deshalb wurde Largo nicht müde, die Individualität der Kinder zu erklären, deshalb beharrte er darauf, dass Kinder von selbst lernen, wenn sie ein anregendes und Geborgenheit stiftendes Umfeld vorfinden. Deshalb war sein Mantra, dass es jedem Kind und Menschen in dieser Gesellschaft möglich sein muss, seine Bedürfnisse zu leben. Und deshalb wurde er mehr und mehr zu einem Kritiker und Mahner, der darauf aufmerksam machen wollte, wie schlecht unsere Bedürfnisse mit den Lebensbedingungen der anonymen Massengesellschaft zusammenpassen.

So leicht seine Bücher zu lesen sind, schließlich war sein Anliegen, möglichst vielen durch sie zu helfen, und auch wenn man versteht, was seine in großer sprachlicher Verfeinerungsarbeit entstandenen Sätze aussagen (an der manchmal ich, immer aber seine langjährige Lektorin Margret Trebbe-Plath mitgeschliffen hat), in Wirklichkeit fordern sie zu einem großen Umdenken auf. Ich habe teilweise Jahre gebraucht, um ihren Gehalt in aller Tiefe zu verstehen. Bis zu seinem letzten Buch „Zusammenleben“, das im diesjährigen Frühjahr erschien, gab es immer wieder Aha-Momente, glitzernde Erkenntnisse, die ich so meinem kostbaren Remo-Largo-Kosmos hinzufügen konnte.

Doch noch einmal zurück zur Eingangsfrage: Warum hat sein Tod so viele Menschen nicht nur erschüttert, sondern auch tief berührt? Selbst ich habe viele Emails bekommen, und doch widerspiegeln sie nur einen winzigen Bruchteil derer, die trauern und die sich in ihrer Trauer mit anderen Remo-Largo-Freunden vernetzen. Seine Familie hat eine Kaskade von Adjektiven gefunden, die Remos Persönlichkeit beschreiben. Sie alle passen nur all zu gut, von humorvoll bis würdevoll. Interessiert, einfühlsam, zum Dialog auffordernd. Das war er aber nicht nur für alle, die ihn persönlich kannten oder eben mindestens ein mal mit ihm telefonieren durften, sondern für sein ganzes Publikum, ob bei seinen zahlreichen Vorträgen oder in Gesprächen in Rundfunk und Fernsehen, in seinem TedTalk (ein Format, das er wegen seiner auf den Effekt zielenden Regeln nicht so gern mochte) bis hin zu den vielen Kongressen und Schulpanels, an denen er teilnahm. Er hat es verstanden, jeden Einzelnen persönlich anzusprechen und – das ist weit mehr noch – jeden im Publikum durch seine tiefe Menschlichkeit zu berühren.

Sein Fit-Konzept, so umfassend es auch war, war weit davon entfernt, ideologisch zu sein oder besserwisserisch oder auch nur hermetisch geschlossen. Es war und ist atmendes Denken, er hat es seinen Nachfolgern am Kinderspital explizit zur Weiterentwicklung hinterlassen. Auch er selbst hat immer weiter daran gearbeitet, vor allem in Richtung einer profunden Gesellschaftskritik, die er in seinem letzten Buch „Zusammenleben“ auf den Punkt gebracht hat. Darin stellt er den vielen Krisen unserer Zeit und einer durch den Leistungstakt der Wirtschaft und die Vereinzelung in Single- und Kleinfamilienhaushalten überforderten Gesellschaft neue Formen des Zusammenlebens gegenüber, bei denen einem das Herz aufgeht. Geborgenheit, dies war vielleicht seine letzte Botschaft (eine hoffnungsfrohe Botschaft) kann es auch im 21. Jahrhundert geben.

Anfang Oktober hatte ich ihn ein letztes Mal besucht, und wir haben wie immer bis zwei Uhr früh über Gott und die Welt geredet, insbesondere über Gott und darüber, ob Religion (nur) eine Vorstellung ist, die wir Menschen brauchen, weil wir ohne eine Antwort auf die letzten Fragen nicht leben können oder ob es selbst für uns durch die Säkularisierung aus der Gewissheit der göttlichen Realität herausgefallenen Menschen des 21. Jahrhunderts doch etwas Größeres, etwas hinter den Dingen gibt. Die Frage blieb schwebend, ja gewissermaßen flehend im Raum hängen. EINE Gewissheit indes gibt es schon jetzt, dass seine Gedanken, sein gesellschaftspolitisches Wirken, sein Fit-Konzept bleiben werden – uns zur Entzifferung, zum Rat und zum Auftrag, unsere Welt für die Kinder und alle Lebewesen besser zu gestalten. Und manche von uns wird vielleicht sogar seine Stimme weiter durch diese oftmals verwirrende, schmerzliche, immer wieder schöne Welt weitertragen – zumindest wünsche ich mir das.